Archiv, Corpus, Edition

III.3 Handschriftenanalyse und -edition

Mit der Verfügbarkeit elektronischer Medien und dem Aufkommen von Online-Editionen haben sich die Ansprüche von Nutzern erheblich gewandelt, insofern erwartet wird, dass das der editorischen Arbeit zugrundeliegende handschriftliche Material seinerseits zugänglich gemacht wird. Für eine sachgemäße digitale Publikation wird dabei vorausgesetzt, dass der Bezug zwischen Handschrift und ediertem Text unmittelbar hergestellt werden kann, z.B. in Form von Pop-up-Blasen beim Überfahren eines Wortes im Handschriftenabbild mit der Maus oder, umgekehrt, durch Ansprung und Hervorhebung („Lupe“) der betreffenden Position im Handschriftenbild beim Anklicken eines Wortes im Text; derartige Verfahren werden derzeit am Frankfurter Hochstift im Zusammenhang mit der Faust-Edition entwickelt. Spezifische und bisher nicht lösbare Probleme ergeben sich dabei jedoch überall dort, wo der Text in der Handschrift nicht auf den ersten Blick les- oder auch nur identifizierbar ist und dies auch mit herkömmlichen Verfahren der digitalen Photographie (Vergrößerung, Kontrastverstärkung) nicht korrigiert werden kann. Dies betrifft zum einen Palimpsesthandschriften, bei denen eine (oder mehrere) untere Textschicht(en) bis zur Unlesbarkeit abgeschabt, abgewaschen oder ausradiert wurden, um dann neu überschrieben zu werden, wobei untere und obere Texte keinerlei Bezug zueinander zu haben brauchen. Mit Ausnahme der letztgenannten Eigenschaft gelten ähnliche Vorgaben zum anderen auch für handschriftliche Autographen, in denen Autoren bzw. Schreiber durch Rasuren oder Überstreichungen Textteile bewusst unkenntlich gemacht haben, wobei diese jedoch gleichwohl für die editorische Arbeit relevant sind.

Im Rahmen verschiedener internationaler Projekte sind in jüngster Zeit Verfahren der digitalen Photographie, insbesondere der sog. multispektralen Analyse, entwickelt worden, die es ermöglichen, untere Texte von Palimpsesten bzw. andere überschriebene Texte bis zu gewissen Graden wieder sichtbar zu machen. Derartige Verfahren sind an der Universität Frankfurt im Zusammenhang mit dem Projekt der Entzifferung der kaukasisch-„albanischen“ Palimpseste vom Sinai sowie des altgeorgischen Palimpsests der ÖNB Wien erfolgreich angewendet worden. Dabei hat sich zugleich gezeigt, dass die durch multispektrale Photographie zu gewinnenden digitalen Bildinformationen nur mit äußerst geringer Effizienz in eine gedruckte Form übergeführt werden können, da die betreffenden Aufnahmen die in ihnen enthaltenen Informationen nur in ihrer Vielzahl und nur unter Anwendung von digitalen Vergleichsberechnungen sichtbar zu machen gestatten. Will man also in solchen Fällen die einem edierten Text zugrundeliegende handschriftliche Überlieferung einem Leser zugänglich und die Stringenz der editorischen Arbeit überprüfbar machen, so verdienen digitale Editionsverfahren gegenüber Druckausgaben a priori den Vorzug. Gleichzeitig müssen jedoch auch derartige Verfahren erst wissenschaftlich konzipiert und erprobt werden, da es für sie noch keinerlei Standards gibt; dies soll im vorliegenden Teilprojekt anhand von einschlägigem Material aus den wie folgt benannten flankierend laufenden Arbeitsvorhaben geleistet werden.

III.3a Faust-Edition (2011-2014)
III.3b Börne-Archiv (2011-2014)
III.3c Kaukasische Palimpseste (2011-2014)