III.1a Hugo von Hofmannsthal (2011-2013) PDF  | Drucken |
III Archiv, Corpus, Edition - III.1 Multimodale Erschließung

III.1a Hugo von Hofmannsthal

Seit dem Ende des 60er Jahre entsteht im Freien Deutschen Hochstift auf der Basis der dort verwahrten Nachlassbestände des Autors die Kritische Ausgabe der Sämtlichen Werke Hugo von Hofmannsthals (1874–1929). Das poetische Werk liegt inzwischen geschlossen vor, die letzten Bände sollen in den kommenden drei Jahren folgen. Nach Abschluss wird die Ausgabe 40 Bände mit insgesamt etwa 25000 Druckseiten umfassen. Der Wert der Ausgabe liegt primär in der präzisen Dokumentation der Genese und der intrinsischen Zusammenhänge von Hofmannsthals weit verzweigtem Werk. Verschiedenste Traditionsstränge gehen hier originelle Verbindungen ein, das Werk schöpft aus Texten jedweder Provenienz ebenso wie aus bildender Kunst, Theaterpraxis und dem noch jungen Film. Die Praxis solcher Entlehnungen und Bezugnahmen wird in der Kritischen Ausgabe für jedes Einzelwerk akribisch nachgewiesen. Statt eines traditionellen Personen- und Werkregisters soll im vorgesehenen Projekt der durch OCR erfasste Volltext der kritischen Ausgabe mit texttechnologischen Mitteln ausgewertet und so für ganz unterschiedliche, vorab nicht festgelegte Fragerichtungen zugänglich gemacht werden. Das Ziel ist kein neuer (Online-)Text, sondern eine Form des Fundstellennachweises, die sich auf den Druckspiegel der in der Forschung etablierten, mit den Mitteln traditioneller Typographie sorgsam erstellten Ausgabe und damit auf den anhand der Überlieferungsträger konstituierten Text beziehen.

Das Erschießungsinstrument soll neben einem durchsuchbaren Volltext alle Elemente eines traditionellen Registers aufweisen: Personen und ihre Werke werden ebenso indiziert wie Werke des Autors, wobei die Einträge an bestehende Onlineressourcen angeschlossen werden, etwa an ein kommentiertes Register von 3500 für Hofmannsthal relevanten Personen sowie an die Wikipedia. Darüber hinaus werden weitere Textauszeichnungen vorgenommen, etwa Entstehungsdaten, Gattungen, Periodika, Handschriftensignaturen, Briefschreiber, Orte etc., die sich im Sinne von Datenbankabfragen auswerten lassen. Die Textauszeichnungen lassen sich durch texttechnologische Prozesse automatisieren, wobei die Ergebnisse von einem Fachwissenschaftler überprüft werden müssen.

Trotz der Öffnung im Hinblick auf webbasierte Wissensressourcen hat es das Arbeitsvorhaben im Kern mit einem historischen Korpus zu tun. Das zu explorierende Material gehört im Wesentlichen einer vergangenen Sprachstufe an und ist seinem Umfang nach daher begrenzt. Dieses Charakteristikum macht besondere Anstrengungen im Hinblick auf die Entwicklung und Adaptierung lexikalischer Ressourcen notwendig, welche das Projekt zur texttechnologischen Vorverarbeitung des Archivmaterials einzusetzen plant. Zeitlich geschichtete Lexika zur Verwaltung von Schreib- und Benennungsvarianten bilden daher einen weiteren texttechnologischen Meilenstein, den das Projekt anvisiert. Ferner verfolgt das Projekt ein spezifisch linguistisches Interesse, indem es Hofmannsthals Wortschatz auf die Gegenwartssprache abbildet und auf diese Weise systematische Differenzen zu bestimmen vermag.

Auf diese Weise setzt sich das Projekt ein Ziel, das sich mit analogen Mitteln nicht erreichen lässt, und zwar die Analyse des Aufbaus von Hofmannsthals Themenuniversum. Aus den Themen, die in Hofmannsthals Texten (Recte-Text) verhandelt und die im Kommentar (Kursiv-Text) begrifflich gefasst werden, lässt sich mit Hilfe texttechnologischer Mittel eine terminologische Ontologie bilden, die später an Ontologien anderer Autoren anschlussfähig sein soll. Das resultierende semantische Netzwerk kann u.a. typische Motive (wie laufendes Wasser, kreisende Vögel, unruhige Hände) ebenso einbeziehen wie wiederkehrende Antagonismen (Nähe – Ferne, Zentrum – Peripherie, Einheit – Vielheit) oder übergreifende Themen (Medien, Schmerz, Musik).