Archiv, Corpus, Edition

III.2 Historisch-kritische Apparate

Kritische Apparate, in denen die handschriftliche Überlieferung eines Textes oder Werks zusammengefasst ist, haben eine jahrhundertealte Tradition in den philologischen Disziplinen. Im Bereich der neueren Philologien haben sich seit Beginn des 20. Jhs. basierend auf dieser Tradition genetisch orientierte Apparate entwickelt, in denen analog zum traditionellen Überlieferungsapparat auf der Grundlage der erhaltenen Arbeitshandschriften die Entstehung eines Werkes dargestellt wird (s. auch 2.3). Die Informationen, die solche Apparate enthalten, sind üblicherweise durch verschiedene Vorgaben geprägt, von denen die meisten auf subjektiven Einschätzungen der Herausgeber beruhen. Dies betrifft zunächst die Entscheidung, welche Art von Varianten als würdig erachtet wird, aufgenommen zu werden – vielfach werden kleinere Schreibvariationen bewusst ignoriert, um den Umfang des Apparats nicht anschwellen zu lassen.

Es betrifft des Weiteren die Ausgestaltung der Informationen selbst, bei der – ebenfalls zum Zwecke der Platzersparnis – ausgeklügelte Verdichtungsmaßnahmen durchgeführt werden, die sich dem Leser nur teilweise erschließen, zumal wenn sie implizit gehaltene Teilinformationen enthalten. Gerade im Fall der genetischen Apparate im Bereich der Neueren Philologien wurden hochkomplexe Darstellungsformen entwickelt, deren Nutzung hohen Einarbeitungsaufwand voraussetzt. Überdies wird es nur im seltensten Fall möglich sein, aus den Angaben eines kritischen Apparats die Textgestalt zu rekonstruieren, die jeweils für die einzelnen erfassten Handschriften gilt. Wie groß die diesbezüglichen Lücken bleiben können, hat die exemplarische Aufarbeitung der Handschriftenüberlieferung zum avestischen Yasna gezeigt, die im Rahmen des AUREA-Projekts (DFG-Projekt 1996-1999) an der Universität Frankfurt durchgeführt wurde und bei der der kritische Apparat der maßgeblichen Textausgabe (Geldner 1893) in seine Informationsbestandteile zerlegt wurde, um diese im Falle zugänglicher Handschriften mit dem tatsächlich darin enthaltenen Text zu vergleichen.

Elektronische Editionen stehen im Verhältnis zu gedruckten Ausgaben unter prinzipiell anderen Bedingungen, insofern es hier keine zur Vernachlässigung von Varianten und zur „Verdichtung“ der Informationen zwingende Raumnot gibt. Prinzipiell ist es z.B. ohne weiteres möglich, die gesamte handschriftliche Überlieferung eines Werks originalgetreu zu erfassen und die Textgestalt aller Handschriften synoptisch zusammenzustellen. Damit wäre jedoch noch nicht a priori ein Erkenntnisgewinn verbunden, da den verschiedenen Handschriften eines Werks ein unterschiedlicher Stellenwert in der Textüberlieferung zukommen kann, den zu eruieren als eine der primären Aufgaben wissenschaftlicher Editionen angesehen werden kann. Erforderlich sind deshalb Verfahren, mit denen die handschriftliche Überlieferung – im Sinne eines Handschriftenstammbaums – klassifiziert und in geeigneter Form sichtbar gemacht werden kann. Derartige Verfahren sollen im vorliegenden Teilprojekt disziplinenübergreifend anhand von exemplarischen Beispielen entwickelt und erprobt werden, wobei sich der Schwerpunkt auf flankierende Projekte (insbesondere die Hybrid-Edition von Goethes ‚Faust’) bzw. bereits erarbeitete Materialien stützen kann.

III.2a Yasna-Edition (2011-2014)
III.2b Die Überlieferung der vier Evangelien in altgeorgischer Sprache (2011-2014)