Historische Corpora

I.3 Grundlagen der Historischen Semantik

Die Historische Semantik hat sich in der Geschichtswissenschaft zu einer Zeit entwickelt (Koselleck, Skinner, Guilhaumou), in der computergestützte Arbeit noch kaum möglich war und der schon früh geforderte Corpusbezug sich nur selten systematisch realisieren ließ. Historische Semantik blieb eine randständige Forschungsposition, die in das Terrain der weitgehend hermeneutisch arbeitenden Geschichtswissenschaft kaum vordringen konnte. Auch die massenhafte Textdigitalisierung in den letzten beiden Jahrzehnten hat diese Situation nicht substantiell verbessert, denn Digitalisate in der üblicherweise angebotenen Form ermöglichen zunächst nicht viel mehr als eine Perfektionierung der Suche. Die Digitalisierung hat das durchaus rege Interesse der Geschichtswissenschaft an Begriffen zwar auf eine breitere Materialbasis gestellt, aber kaum methodisch weiterentwickelt. Das Teilprojekt will Verfahren corpuslinguistisch gestützter Historischer Semantik in den hermeneutischen Wissenschaften zum Durchbruch verhelfen und verfolgt dafür eine dreifache Strategie: (i) Die bislang stark an der Linguistik ausgerichteten Programme zur Untersuchung von semantischen und syntaktischen Strukturen in Texten und Textgruppen müssen an die Wissenschaftskultur der hermeneutisch orientierten Geschichts- und Literaturwissenschaften angepasst werden. Das Teilprojekt wird diese Arbeit leisten. (ii) Die Geschichtswissenschaft ist angewiesen auf die Arbeit mit verlässlichen (und in der Regel mit Copyright belegten) Texteditionen. Ein Großteil des leicht zugänglichen digitalisierten Textmaterials basiert auf überholten Editionen. Um die hermeneutischen Wissenschaften für corpuslinguistisch orientierte Untersuchungsverfahren zu gewinnen, muss das Frankfurter Corpusmanagement-System auf die gültigen Editionen zugreifen können. Dazu müssen Lizensierungsmodelle mit Verlagen (Brepols usw.) und mit DFG-finanzierten Unternehmungen (z.B. Monumenta Germaniae Historica) ausgehandelt werden. Deren eigene Online-Angebote sind durchweg für corpuslinguistische Forschung erst dann brauchbar, wenn sie in ein geeignetes Corpusmanagementsystem integriert sind. (iii) Der forschungspraktische Mehrwert einer corpuslinguistisch basierten Historischen Semantik gegenüber einer allein lesend vorgehenden Forschung muss an einem unstrittig relevanten Themenbereich erwiesen werden. Das Teilprojekt wählt dafür die Sprache des Politischen im Mittelalter und konzentriert sich auf zwei epochale Transformationen:
(a) das 4. Bis 8. Jahrhundert und
(b) das 13. bis 16. Jahrhundert.

I.3a Formierung der christlichen, lateinischen Sprache des Politischen (2011-2014)
I.3b Dekomposition der politischen Sprache transzendent legitimierter Herrschaft (2011-2014)