I.2b Historische Wechselbeziehungen altgermanischer Sprachen (2011-2013) PDF Drucken
I Historische Corpora - I.2 Sprachliche Beziehungen

I.2b Historische Wechselbeziehungen altgermanischer Sprache

Die historischen Wechselbeziehungen, die zwischen den überlieferten altgermanischen Sprachen im Hinblick auf Lautgestalt, Formenbildung und Syntax bestehen, sollen exemplarisch anhand eines systematischen Vergleichs der gotischen Überlieferung mit derjenigen des Altsächsischen sowie des Althochdeutschen untersucht werden. Erforderlich ist dazu die Entwicklung von spezifischen Annotationsverfahren, die es ermöglichen, die in den (innerhalb des TITUS-Projekts bereits aufbereitet vorliegenden) Corpora der drei Sprachen enthaltenen Wortformen aufeinander zu beziehen, wobei in jedem Einzelfall die Rekonstruierbarkeit einer gemeinsamen Vorstufe zu überprüfen ist. Das Projekt greift Ansätze des AUREA-Projekts (DFG, 1996-1999) auf, in dem das überlieferte Wortmaterial einer altiranischen Sprache (Altavestisch) mit demjenigen des Altindischen abgeglichen wurde, um die dahinterstehenden Verwandtschaftsrelationen mit programmtechnischen Verfahren zu ermitteln. Anders als in verschiedenen rezenten Ansätzen zur automatischen Generierung von genealogischen Stammbäumen verwandter Sprachen, die sich zumeist auf rein statistische Auswertungen einer beschränkten Liste von Wörtern („Swadesh-Liste“) stützen, sollen hier sämtliche möglichen exakten Kognaten aus den drei Corpora einer Überprüfung unterzogen werden; damit sollen nicht nur konkrete Aussagen über die unterschiedlichen Diversifizierungsgrade der betreffenden Sprachen ermöglicht werden, sondern auch – erstmalig – eruiert werden, in welchem Umfang die mit statistischen Verfahren erzielbaren Ergebnisse der durch die sprachlichen Fakten gegebenen historischen Realität nahekommen. Die drei altgermanischen Sprachen bieten sich für diesen Test in idealer Weise an, da ihre Überlieferung inhaltlich weitgehend übereinstimmt (Bibelübersetzung) und damit ein nahezu deckungsgleicher Ausschnitt des Wortschatzes erfassbar ist.

Die im Rahmen dieses Projekts erstellte Evangelienharmonie aus Heliand, Otfrid, Tatian und den traditionellen Evangelien ist zugänglich unter http://gospelharmony.hucompute.org/.