Historische Corpora

I.2 Sprachliche Beziehungen

Die diachrone und die vergleichende Sprachwissenschaft stehen im Grunde genommen vor derselben Aufgabe: sie vergleichen verschiedene Sprachsysteme miteinander. Bei der diachronen Linguistik handelt es sich, nach Saussures Definition des Begriffs Diachronie, um unterschiedliche sprachliche Systeme auf der Zeitachse einer einzigen Sprache, deren systematische Übereinstimmungen und Unterschiede es herauszufinden gilt. Bei der Eruierung genetischer Verhältnisse zwischen verschiedenen Sprachen geht man ähnlich vor, nur ist der sprachliche Rahmen weiter gefasst; so rekrutierte sich etwa die Familie der germanischen Sprachen schon vor 1000 Jahren aus mehr als fünf dokumentierten Einzelsprachen (u.a. Althochdeutsch, Altsächsisch, Altenglisch, Altnordisch, Gotisch), die durch Differenzierung aus einer gemeinsamen „urgermanischen Grundsprache“ hervorgegangen sind. Digitalisierte Corpora haben in den letzten Jahren für diachrone Untersuchungen ganz neue Perspektiven eröffnet, weil sie im Prinzip eine sehr effiziente, da quasi automatisierte Untersuchung großer Textmengen gestatten, sofern sie angemessen aufbereitet sind. Wenn sie entsprechend annotiert sind, erlauben sie zudem sehr spezifische Suchanfragen, so dass auch Detailuntersuchungen davon profitieren können. In der modernen historischen Linguistik hat z.B. die Forschung zur historischen Syntax des Englischen davon Gebrauch gemacht (z.B. das Helsinki-Penn-Corpus), und auch für das Deutsche sind zur Zeit Projekte zum Aufbau eines umfassenden digitalen diachronen Corpus im Gange (z.B. Bochumer Mittelhochdeutschkorpus, Bonner Frühneuhochdeutschkorpus, Deutsches Textarchiv). Mit dem einschlägigen DFG-Projekt „Referenzkorpus Altdeutsch“ ist die Universität Frankfurt an diesen Bemühungen beteiligt.

I.2a Historische Wortbildung des Deutschen (2011-2013)
I.2b Historische Wechselbeziehungen altgermanischer Sprachen (2011-2013)
I.2c Historische Sprachdatenbank ‚Simplex‘ (2011-2013)